VDI-Umfrage: Viele deutsche Kommunen sind nicht auf Digitalisierung vorbereitet

  • Überregionale Kompetenzstellen und externe Berater können Kommunen auf ihrem Weg in die digitale Zukunft helfen
  • Gebäudebestand wird als wichtige kommunale Ressource für die Gesamtenergiebilanz gesehen
  • Potenziale der Ressourceneffizienz als Querschnittsthema werden von den Kommunen nur unzureichend wahrgenommen

42 Prozent der deutschen Kommunen sind nur teilweise auf die mit der Digitalisierung einhergehenden Veränderungen vorbereitet. Ein Fünftel fühlt sich sogar schlecht aufgestellt. Dies geht aus einer Kommunalbefragung sämtlicher 11.084 Gemeinden in Deutschland hervor, die der VDI zusammen mit der Universität Hohenheim durchgeführt hat. Über 10 Prozent der (Ober-) Bürgermeister haben sich daran beteiligt, die alle Gemeindegrößen repräsentieren. Der VDI hat die Ergebnisse der Befragung im Rahmen der Messe BAU 2017 in München vorgestellt.

Digitalisierung ist ein Querschnittsthema und kann sowohl in der Privatwirtschaft (Breitbandausbau), als auch in Verwaltungsabläufen und der Stadtinfrastruktur (z. B. Mobilität) zu weitreichenden Verbesserungen führen. „Vom papierlosen Büro über die digitale Verwaltung bis hin zur Smart-City – die Potenziale der Digitalisierung gewinnbringend zu nutzen, sind in den Kommunen noch lange nicht ausgeschöpft“, sagt Dipl.-Ing. Christof Kerkhoff, Geschäftsführer der VDI-Gesellschaft Fahrzeug- und Verkehrstechnik. Ein einfaches Beispiel: Ein Viertel der Kommunen konnte im Vorfeld der Online-Befragung noch nicht einmal eine allgemeine E-Mail-Adresse ermittelt werden.

Doch was hindert die Kommunen an der Digitalisierung? Hier geben die Befragten vor allem finanzielle (53 Prozent) und technische (46 Prozent) Hürden an. Technisch wird fast ausschließlich der fehlende Breitbandanschluss in den Gemeinden genannt. Dies liegt zum einen an der ländlichen Struktur und flächenhaften Zersplitterung der Gemeinden, aber
auch an fehlender Beratung. Zudem gäbe es kaum Normierungen von Software-Angeboten.

Während Klimaschutz-, Verkehrs- und Stadtentwicklungskonzepte weit verbreitet sind, liegen Breitbandausbaukonzepte nur in einer Hand voll der befragten Kommunen vor. Ein Grund: Die Kommunen sehen das Thema Digitalisierung als eine freiwillige Aufgabe. Einige Kommunen fordern daher Bund und Länder auf, ihrer Pflicht des Aufbaus einer übergeordneten Digitalinfrastruktur nachzukommen. Viele Kommunen sind angesichts der finanziellen Beteiligung am Ausbau überfordert und klagen über mangelhafte Förderung bzw. über sehr komplizierte Förderrichtlinien. Auch die mangelnde Anzahl an geschultem Personal spielt eine große Rolle (43 Prozent). In den Verwaltungen der Kommunen sei durch die Altersstruktur der Mitarbeiter mit ihrer geringen Computeraffinität und geringem technischem Know-how eine Umstellung schwer durchsetzbar. Hinzu kommen ein Mangel an Fachkräften und das Fehlen eines Organisationskonzepts zum Umstieg.

Bei der Frage nach wünschenswerter Unterstützung wird neben dem finanziellen Aspekt auch immer wieder das Personal genannt. Besser geschultes und mehr Personal oder auch überregionale Kompetenzstellen und externe Berater können den Kommunen auf ihrem Weg zur digitalen Zukunft helfen. Kerkhoff meint: „Ein unabhängiger und für die Kommunen kostenloser Smart-City-Planer könnte fair beraten, ein umfassendes Konzept erstellen und die effizientesten Lösungen finden und so die Kommune sukzessive in ihre Smart-City-Zukunft führen.“

Gebäudebestand als wichtige kommunale Ressource für die Gesamtenergiebilanz Die gebaute Umgebung der Menschen wird sich in den kommenden Jahren durch die Urbanisierung, den demografischen Wandel sowie Umwelteinflüsse stark verändern. Unabhängig von der Gemeindegröße halten dementsprechend auch drei Viertel der befragten Kommunen die Sanierung des öffentlichen Gebäudebestands für wichtig. Einhergehend wird die Steigerung der Energieeffizienz von Gebäuden als gleichrangig bedeutend eingestuft. Das bezieht sich sowohl auf stadteigene Immobilien als auch auf die
Unterstützung privater Eigentümer. „Das Bewusstsein für die Sanierungsbedürftigkeit des Gebäudebestands dürfte insbesondere in Verbindung mit dem Einsparungspotenzial bei Verbrauchskosten und der Förderungsfähigkeit von energetischen Sanierungen zu sehen sein“, erklärt Univ.-Prof. Dr.-Ing. Architekt Dirk Henning Braun, Inhaber des Lehrstuhls
für Gebäudetechnologie an der RWTH Aachen und Mitglied des Vorstands der VDIGesellschaft Bauen und Gebäudetechnik.

Die hohe Bedeutung der regenerativen Energien wird von mehr als 80 Prozent der Städte und Gemeinden gesehen. So findet die Errichtung von Fotovoltaik- und Solarthermie-Anlagen an städtebaulich und wirtschaftlich sinnvollen Standorten sowie die Einbindung von Blockheizkraftwerken und intelligenten Verteilnetzen, sogenannten Smart Grids, hohen Zuspruch. Auch die Digitalisierung der Messeinrichtungen (75 Prozent) und verbrauchsangepasste Energietarife (50 Prozent) sehen Gemeinden aller Größenordnungen als sinnvolle Lösungen.

Ressourceneffizienz wird noch verkannt

Die vielfältigen Potenziale der Ressourceneffizienz als Querschnittsthema werden von den Kommunen nur unzureichend wahrgenommen. Vielfach wird Ressourceneffizienz lediglich als ein Synonym für Energieeffizienz begriffen. Beratungs- und Informationsangebote zum Zusammenhang zwischen Ressourcen- und Energieeffizienz und Klimaschutz fehlen
weitestgehend. Prof. Dr.-Ing. Ralf Holzhauer, Vorstandsmitglied im Energieinstitut der Westfälischen Hochschule und Mitglied des Vorstands der VDI-Gesellschaft Energie und Umwelt: „Umfassende Förderprogramme für Ressourceneffizienz sind notwendig, die Kommunen können dies nicht ohne finanzielle Unterstützung leisten. Wegen der drängenden Zeit für Konzepte und Realisierung weitreichender Klimaschutzmaßnahmen muss dieser Rückstand zügig aufgeholt werden.“

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