Toiletten für alle

Ein Leben in aller Freiheit

Der demografische Wandel hat die Gesellschaft fest im Griff. „Heute liegt der Anteil der Menschen über 65 Jahren bei 20 Prozent, bis 2060 wird er auf 34 Prozent steigen.“ Davon geht das Bundesministerium für Bildung und Forschung aus. Bund, Länder, Kreise und Kommunen tun trotz finanzieller Engpässe zwar schon viel, um den öffentlichen Raum barrierefrei für die älteren und oftmals behinderten Mitbürger zu gestalten. Allerdings: Was nützt die Möglichkeit, sich ohne Barrieren und überall frei bewegen zu können, wenn man nicht kann, wenn man muss? Daher hat die Initiative Toiletten für alle bei der Firma Hering Bau in Burbach offene Türen eingerannt, als ein Konzept für Toilettenanlagen vor allem für Schwerstbehinderte nachgefragt wurde.

Bislang kann man sich noch glücklich schätzen, wenn man in einer größeren Stadt und in der Nähe eines Bahnhofs unterwegs ist: Die Bahn hat erfolgreich ein Konzept – übrigens auch entwickelt und umgesetzt von den Spezialisten des Burbacher Unternehmens – in vielen Bahnhöfen realisiert, das sich rail & fresh nennt und rund um die Uhr ein Höchstmaß an Sauberkeit und Hygiene in den WC-Anlagen bietet. Auch park & fresh für Park- und Rastplätze, shop & fresh für Einkaufszentren und city & fresh für Innenstädte hat Hering Bau im Portfolio.

Doch das neue Konzept Toiletten für alle soll über diesen Ansatz noch hinausgehen. Es ist ein Projekt der Stiftung Leben pur, die sich für schwerstbehinderte Menschen engagiert. Das Projekt hat das Ziel, auch diesen Menschen möglichst adäquate WC-Anlagen im öffentlichen Raum bereitzustellen beziehungsweise die Gesellschaft hierfür erst einmal zu sensibilisieren. Die Anforderungen an die WC-Räume: Größe zirka 12 Quadratmeter, zusätzlich zur „normalen“ Behinderten-Ausstattung ist noch eine höhenverstellbare Liege (190 mal 100 Zentimeter) mit abklappbarem Seitengitter, ein Decken- oder Standlifter sowie ein luftdicht abschließbarer Windeleimer vorgesehen, optional dazu ein Dusch-WC und ein Sichtschutz.

Auch wenn man noch auf keine Fördertöpfe zurückgreifen kann, wurde bereits ein erster Pilot am Münchner Flughafen umgesetzt. Die 14 Quadratmeter große, absolut barrierefreie Toilette, beim Übergang des München Airport Center zum Abflugbereich B vor Terminal 1 gelegen, ist mit einer höhenverstellbaren Liege mit Seitengitter sowie dem geforderten Deckenlifter ausgestattet. Der Airport ist damit der erste deutsche Flughafen, der über eine technisch hochwertig ausgestattete Sanitäranlage für diesen Personenkreis verfügt. Und: Zusätzlich zur Toilette wurden direkt angrenzend zwei barrierefreie Duschräume in Betrieb genommen.

Die in München umgesetzte Pilotanlage erfüllt also alle Vorgaben der Stiftung Leben pur. Der Raum ist, wegen der Internationalität der Fluggäste, mit einem Schlüssel zu öffnen, der am Servicecenter abgeholt werden kann; ansonsten werden solche Anlagen mit einem CBF-Schlüssel – ein Schlüssel für öffentliche Behindertentoiletten, der deutschlandweit vom CBF Darmstadt vertrieben wird – nutzbar sein. Es gibt keinen Münzeinwurf. 

Sowohl bei der Stiftung Leben pur als auch bei Hering gibt man sich hoffnungsfroh: „Natürlich ist nicht davon auszugehen, dass zukünftig jede öffentliche WC-Anlage eine solche Ausstattung erhält. Es könnte aber durchaus viele Städte geben, die hier mit gutem Beispiel vorangehen und dies als echtes, öffentliches Zeichen zur Inklusion verstehen.“ Außerdem setzen beide Partner für den Fall einer Verwirklichung auf „einen positiven Imageeffekt“ für die Gemeinden.